Butzbacher Musikschule intonierte Klezmer-Weisen(HV). Gut gefüllt war das Kulturhaus Alte Synagoge in der Altstadt von Münzenberg, als am vergangenen Dienstag die SPD Münzenberg zur Gedenkfeier an die Pogrome vor 72 Jahren geladen hatte. Umrahmt wurde die würdige Veranstaltung von der Musikschule Butzbach. Peter Ehm und Stefan Schneider intonierten auf Klarinette und Gitarre mehrere jüdische Lie-der in Klezmer-Manier. Manfred Tschertner begrüßte alle Anwesenden und wies in seiner Rede auf die Bedeutung der Geschehnisse im November 1938 hin, deren Folgen bis in un-sere Zeit herüber reichten. Er erinnerte an die Verantwortung der noch lebenden Zeitzeugen sowie aller Nachgeborenen, dafür zu sorgen, dass die Erinnerung an jene unheilvollen Tage nicht verloren gehe. Unkenntnis, Verharmlosung und Verdrängung führen unweigerlich dazu, die Fehler jener Zeit zu wiederholen bzw. den Weg dafür vorzubereiten.
Wolfgang Effinger zitierte eindrucksvoll aus einem Brief des pazifistischen Schriftstellers Ar-min T. Wegner (geb. 1886 in Elberfeld) an Adolf Hitler vom April 1933 („Die Warnung“), worin er gegen die Judenverfolgungen protestierte. Mit mahnenden Worten sah er das Unheil kommen und beschwor den damaligen deutschen Reichskanzler, der zu dieser Zeit offiziell noch kein „Führer“ war, die Würde Deutschlands zu achten und zu wahren. Daraufhin wurde er von der Gestapo verhaftet und im Columbiahaus in Berlin-Tempelhof gefoltert. Er ver-brachte vier Monate in Gefängnissen und den Konzentrationslagern Oranienburg, Börger-moor und der Lichtenburg. Nach seiner Freilassung Ende Dezember 1933 emigrierte er. Ü-ber England und Palästina gelangte er nach Italien, wo er sich 1936 in Positano niederließ. Wegner starb 1978 in Rom.
Sehr bewegend waren die von einer Ton-CD abgespielten Worte des noch lebenden Zeit-zeugen Benno Löwenstein (86) aus Buenos Aires, Argentinien, der im Dezember 1939 seine Heimat Gambach verlassen musste, um dem Nazi-Terror zu entgehen. Benno Löwenstein erinnerte an eine ungestörte Kindheit und überraschte nach fast 70 Jahren noch mit ein-wandfreiem Deutsch und klaren Erinnerungen an örtliche Gambacher Gegebenheiten. Sogar oberhessische Mundartausdrücke kommen dem heute 86-Jahrigen noch glatt über die Lip-pen. Deutlich waren seine Worte zu den Geschehnissen am 10. November 1938 in Gam-bach, wobei er ausdrücklich auch an unerschrockene Zeitgenossen erinnerte, die sich dem Naziterror widersetzten! Versöhnlich waren seine Grußbotschaften an die Hörenden auf Deutsch und Spanisch. Der Grabstein seiner im Juli 1938 verstorbenen Mutter Betti Löwen-stein ist übrigens der letzte auf dem jüdischen Friedhof in Gambach. Zum Schluss dankte Manfred Tschertner allen Anwesenden für das gemeinsame Gedenken sowie der Musik-schule Butzbach für die würdige musikalische Umrahmung. Besonders rief Manfred Tschert-ner das Recht und die Pflicht eines Jeden und einer Jeden in Erinnerung, mit Zivilcourage dem rechtsextremen Gedankengut, notfalls auch aktiv, zu widerstehen. Artikel 1 unserer Ver-fassung, das Grundgesetz, nennt das höchste Ziel, das es zu schützen gilt: Die Würde des Menschen ist unantastbar – alle Menschen sind hier gemeint! Noch lange diskutierten man-che Teilnehmer auf dem Nachhauseweg über das Geschehen.