(HV). Münzenberg. Am Montag, 9. November 2026, um 18 Uhr, findet ein Gedenkrundgang anlässlich der nationalsozialistischen Novemberpogrome von 1938 statt. Treffpunkt ist der Marktplatz in Münzenberg. Als sichtbares Zeichen sollen Kerzen als „Licht der Erinnerung“ mitgebracht werden.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen das Erinnern an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, die Bewahrung der lokalen Geschichte und ein eindringlicher Appell für Menschlichkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Verteidigung unserer Demokratie. „Wir erinnern an Menschen, die aus unserer Mitte gerissen wurden. An jüdische Nachbarinnen und Nachbarn, an Familien, deren Geschichte untrennbar mit unserer Heimat verbunden ist. An Menschen, die hier lebten, arbeiteten, Freundschaften pflegten und Zukunftspläne hatten.“
Ausgrenzung beginnt lange vor offener Gewalt
Die Novemberpogrome vom 9. November 1938 markierten eine weitere dramatische Eskalation der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Synagogen brannten, Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört, jüdische Menschen misshandelt, verschleppt und ermordet. Doch der Weg zu diesen Verbrechen begann lange zuvor – mit Hetze, Verleumdungen, gesellschaftlicher Ausgrenzung und dem systematischen Entzug von Rechten. „Bevor Häuser brannten, war Menschen längst ihre Würde abgesprochen worden.“ Diese Erkenntnis bildet eine zentrale Mahnung für die Gegenwart. Denn Menschenverachtung beginnt häufig mit Worten, Vorurteilen und dem bewussten Wegsehen. Die Geschichte zeigt zugleich, wie gefährlich es wird, wenn eine Gesellschaft Ausgrenzung duldet und demokratische Werte nicht entschlossen verteidigt.
Antisemitismus darf keinen Platz in unserer Gesellschaft haben
Mit Blick auf die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation wird betont, dass jüdisches Leben in Deutschland noch immer nicht überall ohne Angst möglich ist. Wenn Synagogen geschützt werden müssen, Menschen religiöse Symbole aus Furcht verbergen oder jüdische Kinder aufgrund ihrer Herkunft angefeindet werden, ist das Versprechen eines freien und sicheren Zusammenlebens nicht eingelöst. Antisemitismus muss unabhängig von seiner politischen oder weltanschaulichen Herkunft entschieden widersprochen werden. Dies gilt für rechtsextreme Ideologien ebenso wie für islamistische Hetze, Verschwörungserzählungen oder antisemitische Äußerungen unter dem Deckmantel politischer Kritik. Gleichzeitig darf jüdisches Leben nicht ausschließlich mit Verfolgung und Gedenken verbunden werden. Es ist ein lebendiger und vielfältiger Bestandteil unserer Gesellschaft, unserer Kultur und unserer gemeinsamen Zukunft.
Demokratie braucht Haltung – gerade in schwierigen Zeiten
Auch die aktuellen bundespolitischen Auseinandersetzungen über Rechtsextremismus, den Umgang mit der AfD und die zunehmende Verrohung öffentlicher Debatten werden beim Gedenken angesprochen. Demokratie lebt vom politischen Wettbewerb und vom offenen Streit unterschiedlicher Meinungen. Ihre unverrückbare Grenze liegt jedoch dort, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Lebensweise herabgewürdigt und ausgegrenzt werden. „Demokratische Parteien dürfen in der Sache streiten. Aber gegenüber Menschenverachtung muss ihre gemeinsame Haltung eindeutig und unmissverständlich sein.“ Gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit kommt es darauf an, gesellschaftliche Probleme ernst zu nehmen, ohne Minderheiten zu Sündenböcken zu machen oder Ängste bewusst gegeneinander auszuspielen.
Menschlichkeit kennt keine nationalen oder religiösen Grenzen
Der Gedenkrundgang nimmt auch die internationalen Krisen und Kriege in den Blick. Der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, das Leid der israelischen Opfer und ihrer Angehörigen sowie die humanitäre Not der palästinensischen Zivilbevölkerung machen deutlich, wie dringend der Schutz menschlichen Lebens und die Achtung des Völkerrechts sind. Dabei wird unterstrichen, dass die Sicherheit Israels ebenso wie das Recht der palästinensischen Bevölkerung auf Würde, Frieden und Selbstbestimmung von grundlegender Bedeutung sind. Auch Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigt, wie zerbrechlich Frieden, Freiheit und Sicherheit sein können. Die Verbrechen des Nationalsozialismus dürfen dabei nicht mit gegenwärtigen Konflikten gleichgesetzt werden. Vielmehr erwächst aus der historischen Erinnerung die Verpflichtung, Menschenrechte und Menschenwürde überall zu verteidigen. „Unsere Menschlichkeit bewährt sich darin, dass wir das Leid anderer wahrnehmen, ohne es gegen anderes Leid aufzurechnen.“
Sozialdemokratische Grundwerte als Verpflichtung
Die Botschaft des Gedenkens steht zugleich in enger Verbindung mit den Grundwerten der Sozialdemokratie: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Freiheit bedeutet, ohne Angst und Verfolgung leben zu können. Gerechtigkeit verlangt, dass jedem Menschen unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialer Stellung die gleichen Rechte und Chancen zustehen. Solidarität verpflichtet dazu, nicht wegzusehen, wenn andere ausgegrenzt, bedroht oder ihrer Würde beraubt werden. Diese Werte sind keine abstrakten politischen Begriffe. Sie müssen im täglichen Zusammenleben sichtbar werden – im respektvollen Umgang miteinander, im Schutz von Minderheiten und im entschlossenen Eintreten für unsere demokratische Gesellschaft. Gerade die Sozialdemokratie, die selbst unter der nationalsozialistischen Diktatur verfolgt und verboten wurde, trägt eine besondere historische Verantwortung, Freiheit und Demokratie gegen ihre Feinde zu verteidigen.
Verantwortung beginnt vor unserer eigenen Haustür
Für Münzenberg kommt einer lebendigen lokalen Erinnerungskultur besondere Bedeutung zu. Die Geschichte jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger muss bewahrt, ihre Lebenswege erforscht und ihre Schicksale auch nachfolgenden Generationen vermittelt werden. Erinnerungsarbeit ist dabei weit mehr als der jährliche Blick zurück. Sie soll Menschen dazu befähigen, Unrecht in der Gegenwart zu erkennen und ihm entgegenzutreten. Ob im Verein, am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Nachbarschaft oder in sozialen Netzwerken: Jeder Einzelne kann dazu beitragen, dass Ausgrenzung und Hass keinen Raum gewinnen. „Nicht jeder Widerspruch erfordert großen Mut. Aber jeder Widerspruch kann einem Menschen zeigen: Du stehst nicht allein.“
Erinnerung ist ein Auftrag für die Zukunft
Die heutige Generation trägt keine persönliche Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Sie trägt jedoch Verantwortung dafür, wie mit dieser Geschichte umgegangen wird und welche Konsequenzen daraus für die Gegenwart gezogen werden. „Erinnerung darf nicht beim Gedenken stehen bleiben. Sie muss uns zum Handeln bewegen – für Menschenwürde, für Solidarität und für eine Demokratie, die niemanden zurücklässt.“ Der Gedenkrundgang soll mit einem gemeinsamen stillen Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung ein Zeichen gegen das Vergessen setzen. Die zentrale Botschaft lautet: Nie wieder ist keine Selbstverständlichkeit. Nie wieder ist eine Verpflichtung – für uns alle, jeden Tag.